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Die kritische Inventur der Innovationen …

Manchmal sind es kleine, banale Beobachtungen im Alltag, die einen ins Grübeln bringen. Als ich vor einigen Tagen mit einem Freund durch Hamburg fuhr, hatte ich auf dem Beifahrersitz ausgiebig Gelegenheit, mir den kaputten rechten Außenspiegel seines Autos anzuschauen. Der Spiegel selbst fehlte, so dass die Drähte und Motorwalzen des Bewegungsmechanismus freilagen. Warum, fragte ich mich, war eigentlich jemand auf die Idee gekommen, dass das Einstellen eines Außenspiegels per Hand eine Zumutung sei? Früher hatte ein Kugelgelenk in der Halterung genügt, um dem Spiegel Bewegungsfreiheit zu geben.

Mir fiel wieder ein Gedanke von Power-Goo-Entwickler Kai Krause ein, den er vor einigen Monaten im Online-Magazin Edge geäußert hatte. Auf die Frage, welches Ereignis oder welche Entdeckung den weiteren Verlauf der Weltzivilisation drastisch verändern würde, antwortete er, alles habe sich schon drastisch verändert. Deshalb schlug er vor: „Lasst uns den Frieden und die Ruhe annehmen, die entstünden, wenn wir die [technischen] Dinge für eine Weile einfach so lassen, wie sie sind. Bringen wir sie erst einmal dem Rest dieses Planeten.“ Ein Innehalten im rastlosen technischen Innovationsprozess also.

Nun ist Innovation für viele längst zu einem Wert an sich geworden. Der elektrisch steuerbare Außenspiegel, die dritte Generation des iPhones oder ein Toaster mit Digital-Display gelten als Fortschritt, an dem Ingenieure hart gearbeitet haben, um uns das Leben leichter zu machen.

Der französische Denker André Gorz hat in seinem letzten Buch, dessen deutsche Version kürzlich posthum veröffentlicht wurde, eine andere Erklärung für die Rastlosigkeit gegeben. Für ihn führte vor allem die Informatisierung in Verbindung mit der Dynamik des Kapitalismus dazu, dass Innovation zum ungebremsten Selbstläufer geworden ist:

„In einem ersten Schritt hatte die Informatisierung das Ziel, die Produktionskosten zu senken. Um zu verhindern, dass diese Kostensenkung zu einem entsprechenden Rückgang des Preises der Waren führte, mussten diese so weit irgend möglich den Marktgesetzen entzogen werden. Dieser Vorgang besteht darin, den Waren unvergleichliche Eigenschaften zu verleihen, dank deren sie ohne Äquivalent erscheinen und folglich aufhören, als simple Waren zu wirken… In ökonomischer Hinsicht schöpft die Innovation also keinen Wert; sie ist nur das Mittel, Knappheit – eine Rentenquelle – zu erzeugen und zum Schaden der Konkurrenzprodukte einen Mehrpreis zu erzielen.“ Und das geschieht nicht nur einmal, sondern permanent.

Nicht alle technischen Innovationen sind so motiviert, aber wohl doch viele. Ein derartiger Innovationsprozess ist aber weder ökologisch nachhaltig, wegen der viel zu kurzen Produktzyklen. Noch sozial – darauf zielt Krauses Gedanke ab, wenn er erst einmal ein globales „level playing field“ schaffen möchte, also technischen Gleichstand.

Das bringt mich zum Gedankenexperiment eines „Freeze“: Was würde passieren, wenn wir die vorhandene Technik für einige Jahre nicht weiter entwickeln (aber immer weiter produzieren können)? Und wenn wir diese Zeit für eine Inventur nutzen: Welche denkbaren Innovationen würden wir tatsächlich vermissen, welche existierenden entsorgen?

Würde die Zunahme des Datentransfers im Netz, die ja erst einmal nicht abreißt, dieses verlangsamen – oder kann die Bandbreite auch mit dem jetzigen Stand der Technik hochskaliert werden? Würden hochkomplexe Simulationsrechnungen in der Forschung irgendwann nicht weiter verfeinert werden können – oder lässt sich aus der heutigen Hardware bei cleverer Konfiguration noch viel mehr herausholen?

Bricht die Wirtschaft, wenn Gorz recht hat, vollends zusammen (quasi als Todesstoß in der jetzigen Krise), weil keine Extrarenten mehr generiert werden können – oder führt eine stagnierende Produktivität wieder zu mehr Nachfrage nach menschlicher Arbeit?

Könnten wir den notwendigen Übergang zu Erneuerbaren Energien abschreiben – oder reichen die heutigen Technologien, wenn zugleich der Energieverbrauch drastisch reduziert wird? Würden uns dann entscheidene Durchbrüche in der Energieeffizienz fehlen – oder genügt Energieeinsparung, ja ist sie gar der wichtigere Ansatz?

Der Charme von Krauses level playing field ist allerdings dahin, wenn es bedeutet, dass alle Kontinente dieselbe Geräteausstattung pro Kopf bekommen (statistisch gesehen) wie heute Nordamerika, Westeuropa und Japan. Also Auto, Kühlschrank, Waschmaschine, Computer, Fernseher, Stereoanlage. Umgekehrt: Worauf könnten wir gut verzichten, um uns mit dem Rest der Welt irgendwo in der Mitte zu treffen? Und müsste es noch weniger als die Mitte sein?

Die einzigen, die all diese Frage ohne zu zögern beantworten, sind die so genannten Primitivisten um John Zerzan und Derrick Jensen, dessen Buch „Endgame“ ebenfalls gerade auf deutsch erschienen ist. Ihre tatsächlich ernst gemeinte – und für mich zutiefst inhumane – Antwort lautet: die Zivilisation abreißen. Die könnte aber am Ende von selbst Realität werden, wenn wir auf all die Fragen nicht endlich selbst Antworten finden.

Quelle:

Niels Boeing

Posted via web from Superglide’s Personal Blog …

17. Juni 2009 - Posted by | Uncategorized

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