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kommt nach Web 2.0 jetzt die 3. Natur … ?

„Gestern zum ersten Mal (versehentlich) den ganzen Tag fern vom Laptop verbracht, nur mit G1. Ging ganz gut. Könnte man öfter machen“, schreibt eine Freundin, die gerade in New York ist. Ihre Nachricht plätschert in dem Fluss der Facebook-Statuszeilen an mir vorbei. Draußen im Hof steht die Wirklichkeit rum. Die Rosen blühen, daneben wuchert Minze, und dann ist da noch eine Menge Grün, von dem ich den Namen nicht kenne und Kleinstgetier, von dem ich nicht weiß, wie es heißt. Die unbekannten Vogellaute, die über dem Grün schweben, könnte ich identifizieren.

Irgendwo im Haus muss sich noch eine CD „Vogelstimmen der Heimat“ nebst Begeitbuch befinden. Aber ich bin zu faul zum Suchen und warte lieber, bis Mo und Katja wieder zu Besuch kommen. Sie sind Birdwatcher, das heißt, sie liegen kundig im Unterholz und können zahllose Vogelstimmen unterscheiden. Viele Dinge – wie beispielsweise den Umgang mit Software und Hardware – lasse ich mir am liebsten von jemandem erklären, der sich damit auskennt, ehe ich zum Handbuch greife. Es gibt keine bessere Art, etwas zu lernen, als von einem anderen Menschen.

Und direkt von der Natur? In einem Gastbeitrag für das Blog BoingBoing nimmt der Autor und Technologie-Experte William Gurstelle mit einer gewissen Bestürzung zur Kenntnis, dass es zu viel Technologie in unserem Leben gebe und die Menschen immer weniger Zeit damit zubringen würden, die Natur unmittelbar zu beobachten und zu erfahren. In seinem Buch „Devices of the Soul: Battling for Our Selves in an Age of Machines“ befindet der Wissenschaftskritiker Steve Talbott: „Im Netz kann ein Kind etwas über Bäume lernen, aber es wird nicht verstehen, was ein Baum ist. Die Information aus dem Netz oder aus einem Buch ist ein Fragment und aus dem Kontext gerissen. Sie wird nie dieselbe Eindringlichkeit haben wie eine Erfahrung aus erster Hand.“

Daraufhin begibt sich Gurstelle in den Garten – und zwar mit seinem neuen digitalen Mikroskop. Er verbringt den Nachmittag damit, die Welt im Kleinen zu betrachten, Bilder zu machen und eine Ameise zu filmen. „Zellen, Fasern, Samenkörnchen und Insekten, alles nur ein Teil der wilden Menagerie, die ich entdeckte – I found it way cool, and I’m no little kid.“ Diese Forschungsreise in eine Wiese weist darauf hin, dass es in der Architektur der digitalen Welt an einem wichtigen Element mangelt: an Brücken, die Information und Erfahrung miteinander verbinden. Daten und Informationen werden erst dann zu Wissen, wenn wir sie mit unserer eigenen Weltwahrnehmung verbinden. Und in einer Welt, in der wissenschaftliche Erkenntnis scheinbar nur noch mit hochqualifizierten Teams und großem Aufwand an Geld und Material gewonnen werden kann, ist kaum etwas begrüßenswerter als die offene, kindliche Neugierde, die wissen möchte, was da den Grashalm entlangkrabbelt und welche Wunder sich in einem Wassertropfen aus einer Pfütze verbergen.

Auch wenn es nicht einer gewissen Ironie entbehrt, wenn jemand online über seine Erfahrungen mit dem nichtdigitalen Leben schreibt, die er mit einem Digitalmikroskop gemacht hat – auch William Gurstelle dürfte klar sein, dass die Natur in seinem Garten nur noch wenig mit jener todesgefährlichen Umwelt zu tun hat, als die sich die Natur unseren Vorfahren noch vor (entwicklungsgeschichtlich) nicht allzu langer Zeit präsentiert hat. Die zweite Natur, mit der wir im Prozess der Zivilisation die Erde überzogen haben, wird nun durch einen neuen Layer ergänzt – die dritte Natur der digitalen Sphäre. Aus diesen Transformationen, mit denen wir unsere Umwelt und uns selbst immer weiter verändern, erhebt sich immer wieder die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu vermeintlichen Ursprüngen – eine romantische Form des Fundamentalismus.

Schon vor 2300 Jahren hatte Platon sich gegen die Verfestigung von Augenblicken in Aufzeichnungen gewandt. Vor allem die Schrift lehnte er ab – sie töte das lebendige Gedächtnis. (Bemerkenswerter Weise ist uns sein Protest in Form einer schriftlichen Aufzeichnung überliefert). Es war die Geburtsstunde des Kulturpessimismus, der sich seit Jahrhunderten gut von der Auffassung nährt, dass wir unsere Fähigkeiten an immer mehr Technologie fortgeben würden, die uns entleere und leblos mache.

Anfang der neunziger Jahre begann der deutscher Ausnahmeprogrammierer Karl Sims für die Supercomputer-Firma Thinking Machine spezielle Algorithmen zu entwickeln, die der extremen Leistungsfähigkeit der firmeneigenen Connection Machine angemessen sein sollten. Aus sogenannten Partikelsystemen schuf Sims phantastische Erscheinungen einer artifiziellen Natur, leuchtende Wasserfallkaskaden etwa oder die inzwischen klassische Animation „Panspermia“, in der die Reise eines Samenkorns durchs All und die Explosion der Fruchtbarkeit nach dem Aufprall auf einem Planeten zu sehen ist. Sims schuf Pflanzen, suchte die aus, die ihm am besten gefielen und ließ die Maschine in Echtzeit die nächste Generation berechnen.

Auf Spaziergängen in die reale, altgewohnte Natur, so erzählte er in einem Interview, rege ihn jedes Grasbüschel und jeder Strauch zur algorithmischen Nachahmung an. Wenn man dann aber beginne, in die Details einzudringen, zeige sich eine unermeßliche Komplexität. Aus der grünen Welt kehre er stets demütig zurück vor die Maschine.

Quelle:

Peter Glaser

Posted via web from Superglide’s Personal Blog …

5. Juni 2009 - Posted by | Uncategorized

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