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Wie soll es mit dem Kapitalismus weitergehen … ? So wie bisher jedenfalls nicht …

Die Ratlosigkeit, wie es mit dem Kapitalismus weitergehen soll, ist seit Monaten mit Händen greifbar. Klar ist nur: nicht so wie bisher. Zumindest kristallisieren sich zwei potenzielle Entwicklungsrichtungen heraus: der „grüne Kapitalismus“ und der „soziale Kapitalismus“ (die beiden schließen sich nicht unbedingt aus, sind aber auch nicht identisch). Letzterem näherte sich auch der vom Hamburger Trendbüro organisierte 14. Trendtag am vergangenen Donnerstag an. Sein Thema: „sozialer Reichtum“.

Darüber wird in Berlin auf diversen Camps und Konferenzen zwar schon länger diskutiert. Aber interessant erschien mir doch, wie das in der Medien-, Werber- und Handelsstadt Hamburg, die alles in allem ein unkomplizierteres Verhältnis zum Kapitalimus hat, angegangen würde. Sagen wir es mal so: Heraus kam ein Update des Lobliedes auf die vernetzte Informationsökonomie.

Auffällig – und erfreulich – ist, dass der Refrain umgeschrieben wurde. Statt den User als Individuum zu feiern (das Thema des Trendtags 2000 hieß noch „Ich-AG“), handelt er jetzt von der Macht der Communities. Die Selbstverwirklichung des Egos war gestern, die Maxime, die den von den Egos in die Krise gestürzten Kapitalismus retten soll, lautet „Sharing“: das Teilen von Wissen, Freunden, Kunden, Beziehungen, Präferenzen. Sharing ist der neue Reichtum. Der nie um plakative Thesen verlegene Medienphilosoph Norbert Bolz erklärte gar: „Das Internet bietet die fabelhafte Möglichkeit, den Idealismus zu einer kritischen Masse zu erheben.“ Sieh an – bekommen die 68er im Web 2.0 eine zweite Chance?

Natürlich nicht. Denn nicht der Kapitalismus sei das Problem, sondern der „Pop-Pessimismus der Massenmedien“, meinte Bolz. Und dann: „Nur der Kapitalismus kann die Wunden heilen, die der Kapitalismus geschlagen hat.“ Ein Widerspruch, der sich in anderer Form auch bei Keynote-Speaker Lawrence Lessig oder Redner Matt Mason, Autor von „The Pirate’s Dilemma“, fand.

Lessig hielt einmal mehr sein bekanntes Plädoyer dafür, die durch die Digitalkopie überholte „Read only“-Kultur des 20. Jahrhunderts hinter sich zu lassen und sich endlich auf die neue „Remix“-Kultur einzulassen. Im Kampf ums veraltete Urheberrecht werde eine ganze Generation kriminalisiert, ja als „Terroristen“ stigmatisiert. Dann lieber das Urheberrecht radikal überholen. Die Frage ist nur, wie radikal. Lessig betont immer wieder, es nicht abschaffen zu wollen. Auch der ehemalige Radiopirat Matt Mason stieß, während er die Vorzüge der Piraterie pries, ins selbe Horn: „Wir brauchen geistige Eigentumsrechte, damit die Gesellschaft funktioniert.“

Es ist klar, dass Lessig oder Mason mit solchen Abwiegelungen im offiziellen Diskurs drin bleiben wollen. Das Problem ist auch nicht so sehr, dass sie die letzte Konsequenz ihrer Thesen scheuen. Das eigentliche Problem ist für mich, dass sie am Primat der „Informationsökonomie“ festhalten – wie (leider) auch die meisten „linken“ Web-2.0-Anhänger. Der Rest der Wirtschaft ist ja immer schon da.

Sowohl die digitale Kulturproduktion als auch die schöne neue Welt der sozialen Netzwerke funktionieren zum einen dank einer Maschinenbasis, deren Produktion und Anschaffung Investitionen voraussetzt, die irgendwann wieder reinkommen müssen. Und zum anderen dank einer bislang als sicher vorausgesetzten materiellen Basis für das tägliche Leben.

Die ist aber nur sicher, solange es in der globalen Arbeitsteilung Weltgegenden gibt, die als billige Werkbänke dienen, während andere den Löwenanteil ihrer Profite an den Finanzmärkten erwirtschaften können. Bricht dieses System – als Folge der Finanzkrise oder auch als Folge einer Energiekrise – ein, haben wir ein Problem.

Die Informationsökonomie kann dann von der Realwirtschaft nicht länger durch Werbung und durch dank Globalisierung niedrig gehaltene Kosten der nötigen Maschinen – sprich: Computer – quersubventioniert werden. Das Geld müsste nun eigentlich über geistige Eigentumsrechte reinkommen. Aber die sind, wie Lessig und Mason richtig argumentieren, in der digitalen Welt nicht mehr durchsetzbar (es sei denn, man entscheidet sich für einen richtigen Kontrollstaat).

Also müssten die User für die Angebote der Informationsökonomie bezahlen oder zumindest spenden. Das würde aber voraussetzen, dass sie irgendwo anders genug Geld verdienen – was in einer Rezession oder gar Depression leichter gesagt als getan ist.

Masons Hinweis, dass es ökonomische Piraterie ja auch früher gegeben habe, ohne dass die Wirtschaft zugrunde ging, hilft auch nicht weiter. Früher waren die westlichen Länder im Wesentlichen noch Industriegesellschaften, und sie hatten noch ein globales Hinterland, auf dass sie sich stützen konnten. Beides gilt zunehmend nicht mehr.

Zu glauben, wir könnten uns allein über eine neue Informationsökonomie des Teilens und Vernetzens aus dem kommenden Schlamassel befreien, halte ich für einen Münchhausen-Trick. Der „soziale Reichtum“ des Web 2.0 (oder 3.0) ist untrennbar an materiellen Reichtum gekoppelt. Hyperlinks kann man nicht essen.

Die Hoffnung auf eine „grüne“ oder „soziale“ Wandlung des Kapitalismus zu setzen, ist trügerisch. Es wäre jetzt an der Zeit, über einen „Transkapitalismus“ nachzudenken. In dem könnten die Ansätze von Lessig oder Mason eine wichtige Rolle spielen – aber nur, wenn sie mit neuen Ansätzen der Produktion zusammen gedacht werden und sozialer Reichtum mehr als ein Fettauge auf der materiellen Wirklichkeit ist.

Quelle:

Niels Boeing

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18. Mai 2009 - Posted by | Uncategorized

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